Zwei Weinberge, zwei Risikoprofile: Was uns der Frost im Tessin über eine intelligentere Sortenwahl lehrt
Der Klimawandel verändert die Sortenentscheidung
Der Klimawandel verändert den Weinbau, aber nicht auf einfache Weise. Wärmere Jahreszeiten machen die Landwirtschaft nicht automatisch einfacher, und eine resistente Sorte bedeutet nicht automatisch einen widerstandsfähigen Weinberg. Weinreben reagieren unterschiedlich auf das gleiche Wetter, den gleichen Standort und den gleichen Krankheitsdruck. Für Landwirte und Entscheidungsträger bedeutet das eines: Die Sortenwahl muss sowohl unter Berücksichtigung von Feldbeobachtungen als auch von historischen Daten getroffen werden. Jüngste Forschungen zeigen, dass die Sortenwahl eine wichtige Anpassungsstrategie ist, aber auch, dass die Leistung der Reben durch eine ganzheitliche Perspektive mit mehreren Stressfaktoren verstanden werden muss, anstatt durch eine einzige Variable. (MDPI)
Eine einfache Beobachtung aus dem Tessin
Diese Botschaft wird in einer einfachen Feldbeobachtung aus dem Tessin sehr deutlich. Am 31. März zeigten zwei nahe beieinander liegende Weinberge zwei unterschiedliche Realitäten. In der PIWI-Parzelle hatten sich die Knospen bereits in ein weiter fortgeschrittenes Stadium entwickelt, was eine höhere Exposition bei Frost bedeutet. In der nahegelegenen Merlot-Parzelle waren die Knospen noch weniger weit entwickelt, sodass das unmittelbare Frostrisiko geringer war. Gleiche Region, gleicher Zeitraum, aber ein sehr unterschiedliches Maß an Anfälligkeit.
Seitens databaum haben wir in den letzten 10 Tagen über das Wetterstationsnetzwerk von databaum Frostwarnungen in vielen Schweizer Kantonen gesehen. Genau deshalb ist lokale Beobachtung wichtig: Bei Frostschäden geht es nie nur um die Lufttemperatur an sich, sondern darum, dass die Temperatur zum falschen Zeitpunkt auf das Pflanzenstadium trifft.
PIWI: Stark gegen Krankheiten, nicht automatisch sicher vor Frost
PIWI-Sorten bringen echten Mehrwert für den modernen Weinbau, da sie für eine verbesserte Resistenz gegen wichtige Pilzkrankheiten wie Falschen und Echten Mehltau entwickelt wurden und so dazu beitragen, den Krankheitsdruck und den Bedarf an Fungizidanwendungen zu reduzieren. Aber Krankheitsresistenz ist nicht dasselbe wie Frostresistenz. Forschungen zur Kältehärte und Frühjahrsphänologie von Weinreben zeigen, dass der Zeitpunkt des Knospenaustriebs eng mit der Frostgefahr im Frühjahr verbunden ist und eine frühere Entwicklung junges Gewebe anfälliger machen kann, wenn kalte Nächte zurückkehren. (Frontiers)
Merlot: Schönheit, Identität und Kompromisse
Merlot hat im Tessin eine besondere Schönheit. Es ist nicht nur eine Rebsorte, sondern Teil der visuellen und kulturellen Identität der Region, wo Merlot das prägende Gesicht der lokalen Weinproduktion ist. Das macht ihn zu einem wichtigen Bezugspunkt für Winzer und Weinliebhaber gleichermaßen. Gleichzeitig erfordern klassische Vitis vinifera-Sorten wie Merlot unter Pilzdruck im Allgemeinen eine engmaschigere Krankheitsüberwachung als resistente PIWI-Sorten. In der Praxis bedeutet dies, dass Merlot während eines Frostfensters in einem Moment sicherer aussehen kann, während er in der Saison dennoch ein sorgfältigeres Pilzmanagement erfordert. (swisswine.com)
Frostrisiko verschwindet in einem wärmeren Klima nicht
Schweizer Forschung macht dies besonders relevant. Eine Studie aus dem Schweizer Rhonetal zeigte, dass die Erwärmung den Knospenaustrieb um etwa eine Woche vorverlegen kann, dies jedoch das Frostrisiko nicht automatisch beseitigt, da sich der Zeitpunkt der Pflanzenentwicklung und der Zeitpunkt des letzten Frosts nicht immer gemeinsam verschieben. Mit anderen Worten: Der Klimawandel kann das Risikofenster verschieben, anstatt es zu beseitigen. (Springer)
Warum Landwirte das gesamte System zusammen betrachten müssen
Aus diesem Grund sollte die Sortenwahl niemals nur auf Marktpräferenzen, Weinstil oder einem attraktiven Merkmal basieren. Landwirte und Entscheidungsträger müssen die Phänologie der Vorjahre, Frostereignisse, Krankheitsdruck, Spritzhistorie, Niederschlag, Höhe, Hanglage und kurzfristige Wetterwarnungen gemeinsam betrachten. Die Forschung zeigt auch starke Unterschiede zwischen den Sorten hinsichtlich der für den Knospenaustrieb erforderlichen Wärmeanforderungen, was bedeutet, dass zwei Sorten bei ähnlichem Wetter immer noch zu unterschiedlichen Zeiten in Risikofenster eintreten können. Die besten Entscheidungen entstehen durch die Kombination von Standorthistorie, Wettermustern und Sorteneigenschaften in einer Gesamtansicht.
Wie databaum Winzern hilft, früher zu handeln
Genau hier wird databaum im täglichen Weinbergsmanagement nützlich. Bei databaum können Landwirte Wetterstationsdaten von mehreren Stationen anzeigen, lokale Bedingungen vergleichen und Frostwarnungen einstellen, damit sie früher reagieren können, wenn das Risiko steigt. Das ist besonders wichtig in Fällen wie diesem, in denen sich benachbarte Weinberge je nach Sorte und phänologischem Stadium sehr unterschiedlich verhalten können.
Ebenso wichtig ist, dass viele dieser Tools kostenlos zur Verfügung stehen, sodass mehr Landwirte von zeitnahen Wetterinformationen und praktischer Entscheidungshilfe profitieren können. In einem sich verändernden Klima kann ein besserer Zugang zu Daten auf Feldebene nicht nur für große Betriebe, sondern auch für kleinere Winzer einen echten Unterschied machen.
Das Fazit
Die Beobachtung im Tessin ist einfach, aber die Lektion ist aussagekräftig. Eine PIWI-Parzelle ist möglicherweise besser gegen Pilzbefall geschützt, jedoch anfälliger für Frost, da sie in ihrer Entwicklung bereits weiter vorangeschritten ist. Eine Merlot-Parzelle benötigt möglicherweise ein intensiveres Krankheitsmanagement, ist aber in einer bestimmten kalten Nacht sicherer, da ihre Knospen noch zurückliegen. In einem sich verändernden Klima erzielt man die besten Ergebnisse, wenn man Frostrisiko, Krankheitsresistenz, Sortenverhalten und lokale Wetterdaten kombiniert, anstatt einen Faktor isoliert zu betrachten. Das ist die Art von vernetzter Sichtweise, die databaum mehr Landwirten zugänglich machen möchte. (MDPI)
Bibliographie
- Baltazar, M., Castro, I., & Gonçalves, B. (2025). Anpassung an den Klimawandel im Weinbau: Die Rolle der Sortenwahl – Eine Überprüfung. Plants, 14(1), 104. doi: 10.3390/plants14010104. (MDPI)
- Martínez-Lüscher, J., Matus, J. T., Gomès, E., & Pascual, I. (2025). Auf dem Weg zum Verständnis der Reaktionen von Weinreben auf den Klimawandel: ein Multi-Stress- und ganzheitlicher Ansatz. Journal of Experimental Botany, 76(11), 2949–2969. doi: 10.1093/jxb/erae482. (OUP Academic)
- De Rosa, V., Vizzotto, G., & Falchi, R. (2021). Dynamik der Kältehärte und Frühlingsphänologie: Klimabedingte Veränderungen und neue molekulare Einblicke in das adaptive Potenzial von Weinreben. Frontiers in Plant Science, 12, 644528. doi: 10.3389/fpls.2021.644528. (Frontiers)
- Meier, M., Fuhrer, J., & Holzkämper, A. (2018). Veränderung des Risikos von Frühjahrsfrostschäden bei Weinreben durch den Klimawandel? Eine Fallstudie im Schweizer Rhonetal. International Journal of Biometeorology, 62, 991–1002. doi: 10.1007/s00484-018-1501-y.(Springer)
- Salotti, I., Bove, F., Ji, T., & Rossi, V. (2022). Informationen über Krankheitsresistenzmuster von Rebsorten können das Krankheitsmanagement verbessern. Frontiers in Plant Science, 13, 1017658. doi: 10.3389/fpls.2022.1017658. (Frontiers)
- Faralli, M., Martintoni, S., Dotti Giberti, F., & Bertamini, M. (2024). Dynamik der Auflösung der Knospen-Ökodormanz bei Vitis vinifera: Genotypische Variation und Merkmale der Spätfrosttoleranz, überwacht durch Chlorophyll-Fluoreszenzemission. Scientia Horticulturae, 331, 113169. doi: 10.1016/j.scienta.2024.113169.(ScienceDirect)
- Swiss Wine. Tessiner Weinregion: Die Heimat des Schweizer Merlot. Hier verwendet für den regionalen Kontext zu Merlot im Tessin. Abgerufen am 2. April 2026. (swisswine.com)